Die Goldenen Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts waren bekannterweise nicht für alle Menschen glänzend. Düster erlebte sie mein Großvater, der als Bergmanns arbeitete. Er wohnte mit seiner Familie in einer typischen Bergarbeitersiedlung im Ruhrgebiet. Von den Kindern, die meine Großmutter gebar, überlebten immerhin ein paar ihre ersten Jahre. Kurz vor dem frühen Tod meines Großvaters kam noch ein Nesthäkchen zur Welt, heftig verhätschelt von den Eltern, die sich schämten, da ihnen das letzte Kind im Grunde mehr Last als Freude brachte. In jenem Jahr jedoch, von dem ich hier erzähle, teilten sich nur die ersten vier Geschwister, die alles andere als verwöhnt wurden, ein Bett in der Küche. Meine Mutter Lydia war die zweitälteste Tochter.

Ihren Vater kannten die Kinder vor allem als einen schmächtigen, schwarzen Mann, der nicht sehr gesprächig war, wenn er vom Bergwerk heimkam. Wenig später jedoch, noch vor der Abendsuppe, strahlend weiß gewaschen und im frischen Hemd, saß er mit gekreuzten Beinen mitten auf dem Küchentisch, wo er im Licht der Gaslampe für die Familie nähte und stopfte. Großvater hatte ursprünglich das Schneiderhandwerk gelernt. So kam es, dass seine Kinder, trotz bitterer Armut, Kleidung trugen, die ganz ungewöhnlich ordentlich und unversehrt aussah, was seine Frau beglückte. Doch führte die besondere Fürsorge des Vaters dazu, dass der Neid Keile zwischen seine Kinder und die der anderen Bergleute trieb. Meine Mutter war darum als Kind froh, dass sie im Sommer selten selten passende Schuhe besaß und barfuß zur Schule gehen musste. Diesen Mangel teilte sie mit den anderen Kindern, er einte die Nachbarschaft.

Im Winter ging das ausgelatschte Paar Damenpumps, in denen der ältere Bruder über das Jahr Fußball auf dem Straßenschotter gespielt hatte, in den Besitz von Lydia über. Jetzt war es zu rutschig für ihn, um noch Spaß am Fußballspielen zu haben. Sie war als Mädchen, als Schickse, ohnehin vom Spiel der Jungen ausgeschlossen. Wie gerne wäre sie dabei gewesen, zumal sie eine sehr gute Sportlerin war. Jedenfalls hatte sie jetzt etwas an den Füßen, um mit Holzklötzchen das Kicken zu üben, wobei sie die viel zu großen Pumps durch ihre dicken Wollsocken an den Füßen hielt. Einmal nahm sogar ein Fotograf, der eigens aus dem fernen Berlin angereist war, um das Leben in den Straßen der Bergarbeitersiedlungen zu dokumentieren, ein Foto von ihr mit ihren Fußballpumps auf. Das war ein großer Moment gewesen und hatte sie mit Stolz erfüllt.

Am Heiligen Abend saß Lydia auf der Fensterbank des Elternschlafzimmers und schaute auf den zentralen Siedlungsplatz hinunter, an dessen Kopfende sich, in einem barackenartigen Gebäude, die einzige Wirtschaft der Gegend befand.
Es war feucht und extrem kalt im Schlafzimmer. Sie konnte sich nicht erinnern, dass der Ofen in diesem Raum schon einmal befeuert worden war. Trotzdem harrte sie aus. Denn gegen sieben Uhr an diesem Abend wiederholte sich jedes Jahr ein ganz besonderes Schauspiel.
Sie wartete. Derweil beobachtete sie ihren Atem, der wie Dampf vor ihr schwebte, sich an der Glasscheibe kriechend ausbreitete und im nächsten Augenblick zu einer feinen Schicht gefror, die sie mit dem Handballen ab rieb, um den Blick wieder freizumachen. Mittlerweile schwebten immer mehr Schneeflocken auf den Platz hernieder. Die Schneedecke wurde langsam dicker. In der Zechensiedlung war es so still wie nie. Hinter den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser flackerte gelbliches Licht. Heute musste kein Bergmann auf Schicht unter Tage. Das Rad des Förderturms drehte sich nicht. Alle Kindern warteten jetzt auf den Weihnachtsmann, freuten sich auf Nüsse, einen besonders schönen, roten Apfel oder einen Peitschenpin, den er mitbringen würde.

Und da flog mit Schwung die Tür der Wirtschaft auf.
Ein Weihnachtsmann, der einen riesigen Sack geschultert hatte, trat in die Winterluft hinaus. Hinter ihm quoll Zigaretten- und Zigarrenrauch aus der Tür. Er blieb einen Moment stehen, schwankte ein bisschen und wandte sich nach rechts.
Jetzt war ein lautes Gepolter und Lachen zu hören.Zwei weitere Weihnachtsmänner mit zerzausten Bärten kamen Arm in Arm durch die Tür und liefen geradeaus in die Nacht hinein. Ihnen folgten etwa zehn, zwar rot gekleidete, aber sehr derangierte himmlische Kollegen, die „Oh Du Fröhliche“ grölten.
Drei Nachzügler hatten Schwierigkeiten, ihre Geschenksäcke jeweils mit der einen Hand zu umfassen und mit der anderen Hand Humpen, aus denen Bier schwappte, im Griff zu halten. In der Mitte des Platzes blieben sie eine Weile stehen, um sich zu verabschieden. Zwei setzen ihren Weg weiter fort, der andere blieb und trank den Humpen in einem Zug leer. Dann zögerte er, vollzog eine schwankende Drehung und schlurfte wieder zurück zur Wirtschaft. Dort stieß er auf zwei, drei, vier, fünf weitere Weihnachtsmänner, die gerade lachend in verschiedene Richtungen auseinander liefen.

Mindestens vier, dachte Lydia, mindesten vier davon, das sind wirklich tolle Weihnachtsmänner: breitschultrig, muskelbepackt und groß.
Auch die Dürren und Langen sahen gar nicht so übel aus. Selbst die stockbetrunkenen, bärbeißigen heiligen Männer machten noch was her.
Bloß nicht wieder, dachte Lydia.
Bloß nicht wieder so ein Kleiner wie in den letzten Jahren! Nur ein einziges Mal könnte sich doch einer von den großen Weihnachtsmännern auf den Weg zu unserem Haus machen… Meinetwegen dürfte der dann auch besoffen sein.

Jetzt wurde es langsam wieder ruhig auf dem Platz. Aber sie blieb geduldig.
Da öffnete sich noch einmal die Tür der Wirtschaft und sie beobachtete, wie sich der kleinste und ömmeligste aller Weihnachtsmänner auf den Weg machte und ausgerechnet, nicht anders als in den Jahren zuvor, mit schnellen Schritten schnurstracks auf sie zukam. Was für eine Enttäuschung!

Am nächsten Tag hockte der Vater mit Nadel und Faden hantierend auf dem Tisch, als Lydia von der Straße hereinkam und neben der Eingangstür die ausgetretenen Damenpumps abstreifte, an denen verklumpte Schneereste pappten. Die Mutter saß auf der Bank und strickte an einen bunten Schal aus Wollresten.

Na, Lilly, sagte der Vater, ohne von seiner Näharbeit aufzuschauen, ist denn der Weihnachtsmann gestern gekommen?
Ja, er war da, sagte Lydia, und drückte die pralle Schweinsblase fest an ihre Brust.
Leider war das wieder nur so ein mickriger, ömmeliger … Aber was soll’s. Guck mal, Papa, er hat mir einen Fußball geschenkt!

 

(Text: Xiane Sierocka-Stock. Eine englischsprachige Version dieser Geschichte wurde 2009 unter dem Titel „Santas Of Assorted Sizes“ im Online-Magazin von Iscamedia publiziert.)

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