2020-01-09 23.27.49

Richard ar/gee Gleim (+2019), Charcoal Sketches 2020
Gardener, Lover of Nature, Jazz Musician and legendary Photographer of the German Punk Subculture
A few weeks ago I detected some of his private correspondence, his library, his music tapes and photopaper on a flea market – half a year after his death. Now it is all lost. I could only afford to buy three large books. I tried to approach to his personality by doing some charcoal and red chalk sketches.

Anfang des Jahres auf dem Trödelmarkt einer niederrheinischen Stadt. Bin viel zu spät dran. Die Händler bauen ihre Stände bereits ab. Es ist kalt dort unter der Autobahnbrücke, klamm, die Stimmung ungemütlich. Eigentlich lohnt es sich gar nicht, über den Platz zu gehen. Schnäppchen dürften schon längst nicht mehr zu finden sein. Ich habe sowieso nur einen kleinen Geldbetrag bei mir, auch um nicht unbedacht vermeintliche „Schätze“ zu erstehen und mitzunehmen, die sich in Ballast wandeln, sobald sie die letzten Freiräume zwischen meinen Regalen besetzen. Vielleicht kann ich noch eine heiße Schokolade am Büdchen ergattern und mich unter dem Heizstrahler im Plastikpavillion aufwärmen.

Und dann entdecke ich doch noch mehrere Kisten, halb aufgeweicht auf schlammigem Untergrund, mit dicken Kunstbildbänden, anspruchsvoller Literatur, Fachbüchern, Fotoequipment und jeder Menge großformatigen Fotopapiers.

Zu schade, nicht alles erwerben, jetzt nicht aus dem Vollen schöpfen zu können. Mit weißgefrorenen Fingern schichte ich die Reste einer ehemals gut sortierten Bibliothek um. Hin wie her, mein Geld reicht nicht.

Unter den Büchern persönliche Unterlagen. Es macht traurig, den Menschen zu entdecken, dessen Nachlass auf dem Trödel verramscht wird, dessen unverkäufliche Habseligkeiten am selben Nachmttag noch in einer Müllpresse landen werden. Darunter auch zwei Kisten mit Studio-Bandaufnahmen, handbeschriftet. Briefumschläge mit der Adresse des offensichtlichen Buchliebhabers, Musikers und Fotografen liegen im Dreck. Richard Gleim aus Düsseldorf …  Ich komme nicht gleich darauf, warum mir der Name  vertraut klingt. Nun, ich bin Düsseldorferin …

Eilig, während der Entrümpler sie bereits wegzieht, wuchte ich drei schwere Bücher, u.a. einen Documenta-Katalog, aus einer Kiste und handle einen Preis aus, der mir noch einige Euro für den ersehnten heißen Kakao lässt. Ich schleppe sie zum Wagen und fühle mich doch nicht leichter, nachdem ich alles im Kofferraum abgeladen habe. Denn da bleiben Dinge zurück, die einen einmal viel gekostet und ihm wahrscheinlich noch viel mehr bedeutet haben. Es ist schon so schwer für mich zu ertragen, wenn Bücher verramscht werden, aber der Gedanke, man wird sie einstampfen, schmerzt mich enorm. Das gleiche gilt für die Tondokumente. Ich hätte gern gewusst, welcher Sound diesen Mann begleitet hat, welche Klänge er hinterlassen hat.

Später sitze ich auf der Holzbank und meine Finger habe ich mit der heißen Kakaotasse  so weit aufgewärmt, dass ich das Smartphone wieder bedienen kann. Ich google nach dem mir so vertraut erscheinenden Namen und finde einen Wikipedia-Eintrag und jede Menge Nachrufe aus dem Juli 2019: Richard „ar/gee“ Gleim, Chronist der Punk-Szene der 1970/80er Jahre. Sogar ein Wikipedia-Artikel über ihn existiert. Seine Fotos haben auch mein Bild der 1980er Jahre geprägt, ohne dass mir sein Name präsent gewesen wäre. Teils haben sie sich sogar, wie ich mittlerweile festgestellt habe, mit meinen persönlichen Erinnerungen an Düsseldorf auf eigentümliche Weise vermischt. Ich dachte, ich hätte etwas erlebt – und vielleicht hat sich nur das eine oder andere Foto von Richard Gleim in meinem Gedächtnis so passend mit einem ganz bestimmten Lebensgefühl verbunden …

In letzten Tagen habe ich viel über ihn gelesen und mit Zeichenkohle versucht, mich ihm als Mensch wie er in den Berichten, Interviews und letztlich den Nachruf-Artikeln beschrieben worden ist, anzunähern und mir ein Bild von ihm zu machen.

2 Gedanken zu “ar/gee

    1. Herzlichen Dank, lieber Dario! Ja, das hast du schön ausgedrückt! 🙂 Für mich war es so wichtig genau das zu spüren: da war ein Mensch, den ich nicht wirklich kannte, und ich habe mich mit ihm verbunden gefühlt – sicher angeregt durch ein paar Dinge in den Kisten des Trödlers, aber das, was ich über ihn erfahren und ideell mitgenommen habe, ist mehr als diese und lässt noch viel mehr von dem Menschen erahnen, der ar/gee gewesen ist, was von ihm bleibt in der Welt.

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